Subject: Wilhelm und meine Kirchenmacke
Wilhelm und meine Kirchenmacke
Wilhelm war wirklich toll. Trotz seines Namens. Er sah gut aus, er war schlau und witzig und wir unternahmen viel zusammen.
Was außerdem an Wilhelm toll war: Er hatte nette Freunde. Sehr nette Freunde. Gleich drei. Einer sah besser aus als der andere. Und lustig waren sie auch. Aber dies ist nicht die Geschichte von Wilhelms Freunden. Jedenfalls nicht direkt.
Ich hatte damals ein paar Macken. Nichts Schlimmes. Aber wenn ich zum Beispiel Dummheiten gemacht hatte, zupfte ich mir immer die linke Socke zurecht und bei sehr großen Dummheiten die rechte. Ich hob mein Knie an, fasste mit Daumen und Zeigefinger beider Hände das Bündchen meiner Socke und zog sie hoch, als würde ich mich auf einen Auftritt als Funkenmariechen vorbereiten. Eine andere Macke bestand darin, dass ich auf alle Knöpfe drücken und Schalter betätigen musste, die mir unter die Augen kamen. Ich konnte nicht anders. Weniger schlimm aber auch recht komisch war, dass ich immer lachen musste, wenn andere Leute lachten, selbst bei den schlechtesten Witzen. Es gab noch ein paar andere Macken, aber die größte war mein zwanghaftes Bedürfnis, die Exfreundinnen meiner Freunde übertreffen zu müssen. Das war zugleich meine älteste Macke. Im Laufe der Jahre war sie der Grund für meinen Straßenrekord im Seilchenspringen, für Haare bis fast zu den Kniekehlen, für einige gute sportliche Leistungen und dafür, dass ich beinahe eine Alkoholikerin geworden wäre. Aber nicht bei Wilhelm. Bei ihm war ich erstaunlicherweise alle meine Macken mit einem Schlag los. Mit einem Mal fühlte ich mich erwachsen, reif und auf eine angenehme Art normal. Wenigstens teilweise.
Wie gesagt unternahmen wir viel. Wir gingen Tanzen, wir machten Fahrradtouren, wir schwammen nachts, wir spielten Poker um ungewöhnliche Einsätze und einmal schlichen wir in eine Kirche. Es war kinderleicht. Wir fanden ein angelehntes Fenster, ich griff hindurch, öffnete es und wir kletterten hinein. Zuerst überkam uns eine gewisse Ehrfurcht. Dann aber erfreuten wir uns an dem schaurigen Licht, an dem erhabenen Hall und taten es zwischen den Bänken. Vermutlich war das ein Fehler, denn von diesem Abend an hatte ich einen neuen Tick, nämlich immer scharf zu werden, wenn ich eine Kirche sah. Es reichte sogar, wenn ich Kirchenglocken hörte. Als wir kurz danach Tanzen gingen, zog ich Wilhelm aufs Klo, nur weil Hells Bells von AC/DC gespielt wurde. Den nächsten Fehler begingen wir zwei Wochen später. Wir waren mit Wilhelms Freunden unterwegs. Natürlich berichteten wir von unserem kleinen Besuch, von dem Licht, der Akustik und wie einfach es war, hinein zu gelangen. Sie glaubten uns nicht. Also bewiesen wir es, indem wir gemeinsam noch einmal einstigen. Anscheinend hat man, wenn man in eine Kirche einbricht, automatisch das Bedürfnis, ein wenig zu bleiben. „Kommt, wir trinken einen Schluck. Hier gibt’s doch Wein!“ meinte jedenfalls Wilhelms Freund Robert. Es war gar nicht einfach. Der Wein für das Abendmahl war besser gesichert als die ganze Kirche. Allerdings hatte ich als ehemalige Beinahealkoholikerin nicht nur Verständnis für diese Prioritäten, sondern außerdem einen Riecher für das Versteck. Nach einigem Suchen, einigem frevelhaften Gebrauch eines Kruzifixes und nur wenig Gewalt schafften wir es schließlich. Weil wir anständige Einbrecher waren, zahlten wir. Wir legten wir einen Schein dahin, wo der Wein zuvor gewesen war und veranstalteten im Mittelgang ein kleines Picknick. Lustig war das. Der Hall gab selbst einer vollkommen trivialen Unterhaltung etwas Erhabenes. Dann setzte sich Oli an die Orgel und spielte „Great Balls of Fire“ von Jerry Lee Lewis. Natürlich ging es nicht gut. „Ich geh mal pissen“ sagte Wilhelm irgendwann. Ein paar Minuten später klopfte es. Komm rein, du Pisser!“ sangen wir lauthals. Herein kam jedoch nicht Wilhelm, sondern der Pfarrer, und mit ihm zwei Polizisten. Eine halbe Stunde später fanden wir uns auf dem Polizeirevier wieder.
Eigentlich kamen wir glimpflich davon. Besonders Wilhelm, denn den hatten sie nicht erwischt. Wir anderen mussten drei Monate lang zwei Mal wöchentlich in der Kirche helfen. Die simple Tatsache, dass wir einen Geldschein für den Wein da gelassen hatten, ließ uns dem Richter wohl etwas sympathischer erscheinen. Glück gehabt, könnte man also sagen. Nur für mich wäre eine saftige Gefängnisstrafe ein leichteres Los gewesen: Alle meine Macken kamen zurück und mit meiner neuen Kirchenmacke wurde es immer schlimmer. Die Tatsache, dass ich zweimal pro Woche an genau dem Ort war, an dem meine Libido ins Unermessliche stieg und dabei ständig Kruzifixe und Heiligenbilder vor Augen hatte, stürzte mich in eine echte Krise. Zudem hatte ich bei meinen Eltern mit gewissen Imageproblemen zu kämpfen.
Drei Monate später war der Spuk endlich vorbei. Am Nachmittag meines letzten Kirchendienstes besuchte ich vor lauter Erleichterung freiwillig die Messe, fuhr danach zu Wilhelm und vögelte ihm den Verstand aus dem Kopf. Danach kochte er für mich. Er hatte die ganze Zeit über Gewissensbisse gehabt, weil er als einziger entwischt war. Er war in Plauderlaune. Er sagte mir, wie sehr er an mir hänge und wie phantastisch ich sei. Ich fand vor allem nach den drei letzten Monaten nicht, dass ich derlei Komplimente verdient hätte. Doch er ließ sich nicht beirren, während er mit seinem Holzlöffel in der tomatenbasierten Sauce rührte „Weißt du, du ahnst ja gar nicht, wie glücklich ich mit dir bin!“ Ich starrte bemüht auf eine Zeitung, die auf dem Tisch herum lag. Soso, die Inflationsrate war also auf eins Komma drei Prozent gesunken. „Wirklich, mit meiner letzten Freundin habe ich einiges durchgemacht“ Es wurde mir unangenehm. „Ach was. Hm, das duftet ja. Wann ist das Essen denn fertig?“ fragte ich. „Nein, ich muss dir das wirklich einmal sagen“ fuhr er jedoch fort „Mit meiner letzten Freundin habe ich Schlimmes erlebt. Sie hat mich nach Strich und Faden betrogen! Sie war ein mieses Stück! Mit dir ist es ganz anders. So vertraut“ Ich merkte, wie ich rot anlief. „Willi, jetzt lass gut sein, mir ist das peinlich!“ versuchte ich, meine Errötung zu erklären. Er holte tief Luft. „Stell dir vor, sie hat mich mit zweien meiner damaligen Freunde betrogen! Gleich mit zweien! Kannst du dir das vorstellen? Das ist an Gemeinheit ja wohl kaum zu übertreffen!“ „Äh, ja, Robert hat es mir erzählt“ sagte ich, während ich dem überwältigenden Bedürfnis nachgab, meine rechte Socke zurechtzuzupfen.
von Abo
Abends Aronal, Morgens Elmex - Mal was riskieren

MiezePy
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